Von Botox und Fläschchen

Die Vierjährige hat in ihrem zartem Alter bereits eine Erkenntnis machen müssen, die ich bis siebenundzwanzig erfolgreich verdrängen konnte: Ältere Mitglieder des weiblichen Geschlechts zählen nichts mehr, wenn ein jüngeres die Bühne betritt.
Mit der Geburt ihrer Schwester fing es an, an diesem Tag bekam sie eine Konkurrentin im Kampf um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. In der U-Bahn, am Spielplatz, bei Kinderfesten, alle stürzen sich auf die Einjährige, finden sie putzig und vergessen dabei die Vierjährige. Nicht weil die Vierjährige nicht entzückend ist, nein, einfach weil sie ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat und die kleine Schwester das Babyschema erfolgreich erfüllt. Sie bleibt aber nicht untätig und versucht mit dem Griff zum Milch-Fläschchen und dem Verhalten eines Kleinkindes die verloren gegangene Aufmerksamkeit zurück zu holen, und versteht dann die Welt nicht mehr:
Warum ist es Mama egal, wenn die Einjährige physikalische Experimente mit dem Trinkbecher macht und dabei Saft ausschüttet, wenn sie es macht schnaubt Mama nur eigenartig durch die Nasenlöcher.
Warum sind alle begeistert wenn die Einjährige brabbelt und wenn sie es macht, sagen alle nur „Rede bitte wie eine Vierjährige!”
Warum bestaunen die Eltern zwei übereinandergestellte Bausteine der Einjährigen wie ein Weltwunder und wenn sie es macht, wird ihr Bauwerk nicht einmal ignoriert.

Foto: kaibara87

Foto: kaibara87

Am Ende des Tages geht es ihr, wie manchen Frauen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, die versuchen ihre Jugend mit Botox und Krafttraining zurück zu gewinnen, alles was sie machen ist nur ein Abklatsch eines Alters, das sie nie mehr wiederholen können. Doch die Zeit arbeitet für sie, denn bald wird aus der Einjährigen eine Zweijährige und mit jedem Tag schwindet der Kleinkindbonus.

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