Tschuldigung

Fünf bis sechs Mal am Tag wiederhole ich die Wickel-Prozedur, lege Feuchttücher und Windel bereit, singe das Wickel-Wackel-Lied und weiche währenddessen geschickt strampelnden Beinchen aus. Viereinhalb Jahre Training haben mich zu einer Wickel-Weltmeisterin werden lassen, schließlich habe ich seit der Geburt meiner ersten Tochter, wenn ich die gebrauchten Windeln stapeln würde, einen Müllberg in der Höhe von ca. 500 Meter verursacht.

Foto: daymin

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Das entspricht dem, derzeit zweit höchsten Wolkenkratzer der Welt (Taipei 101, Taiwan), aber eine Touristenattraktion wird der Windelberg wohl nie werden. Ein Leben ohne dieses, zwar nicht schicke, aber sehr praktische Accessoire konnte ich mir nicht vorstellen und jene Eltern, die ihren Nachwuchs windelfrei aufziehen waren für mich wie die Fotos vom Yeti, völlig schleierhaft.
„Warum machen die sich das Leben schwerer, als es schon ist?”, dachte ich mir.
„Das kann nicht funktionieren.”, sagte ich.
„Ich will meine ungestörte Nachtruhe und nicht andauernd bei jedem Schrei meines Kindes mit ihm auf das Klo rennen.”, stellte ich fest, lobpreiste den Segen der modernen Windeln und brachte gleichzeitig mein schlechtes Gewissen, das ich wegen dem, von mir produzierten, Müllberg habe, zum Schweigen.
„Wer sind diese Leute, deren Babys windelfrei groß werden?”, fragte ich meine Freundinnen und niemand konnte es mir beantworten.
Aber nun habe ich eine Mutter kennengelernt, deren Sohn (jetzt 1 ½) noch nie eine Windel auf seinem Popo gespürt hat und sie ist, gegen alle meine Vorurteile, nett, sehr nett sogar. Schnell waren wir bei der alles entscheidenden Frage „Bei dir oder bei mir?”, das Los fiel auf mich und so kam sie gestern mit ihrem Sohn bei mir vorbei. Ich gebe zu, am Anfang war ich etwas unentspannt, als ihr Bub mit nacktem Popo auf meinem Wohnzimmerteppich herumgerutscht ist, aber eine Stunde und fünf Klogänge des jungen Besuchers später, hatte ich Vertrauen in ihm gefasst.
„Er geht scheinbar lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.”, dachte ich mir, stellte meine nervöse Überwachung ein und plauderte angeregt mit seiner Mutter, knabberten Reiskekse und Hirsebällchen, bis wir von einem leisen „Tschuldigung” unterbrochen wurden. Nein, nein, das Kacka am Teppich macht wirklich nichts aus, na, ja, ein bisschen ärgerlich ist es schon, aber das kann jedem Mal passieren (wir k`onnte ich nur so etwas sagen????), aha mit Kernseife geht auch der Geruch weg, jaja, wir haben nächste Woche sicher einmal Zeit für ein Treffen, wir kommen gerne bei euch vorbei.

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