Sugo, Ogo, Agso!

Montagmorgen um halb zehn vor der Supermarktkasse. Die Vierjährige ist im Kindergarten, die Einjährige sitzt entspannt in dem mit Lebensmittel beladenen Buggy und grinst fröhlich vor sich hin. Ich schlichte Milch, Joghurt, Nudeln…. auf das Förderband, ich bin ruhig und gelassen, eine Bilderbuchmutter. Bis plötzlich ein Schrei die Hintergrundmusik des Supermarktes zerreißt.

sweeties1

Foto: waɪ.tiː

SUGO! SUGO! SUGO! ruft die Einjährige voll Inbrunst. Innerhalb von Sekunden wird ihr Gesicht knallrot, die Tränen spritzen unkontrolliert aus den Augenwinkel. Sie hat die Zuckerfalle vor der Kasse entdeckt.
Die Einjährige ist nämlich ein kluges Kind und sie hat eine besonders nette Schwester, von der wurde sie bereits im Alter von ein paar Monaten heimlich mit Schokolade gefüttert wurde. So war es kein Wunder, dass sie nach dem Entwicklungspflichtprogramm: erstes Wort Papa, zweites Wort Mama, gleich danach die wichtigen Dingen des Lebens benannte: Sugo (Zuckerl), Ogo (Schoko) und Agso (Schlagobers).

sweeties2

Foto: dexter mixwith

Die Erstgeborene war knapp zwei Jahre, als sie ihre erste Schokolade gegessen hat und mit dem Eintritt in den Kindergarten wurde für sie ein Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen. Eine Welt voll Gummibärchen, Zuckerstangen und Marshmellows, ein Willy -Wonka- Land für das Mama und Papa den Eintritt bezahlen (und das gar nicht wenig).
Auch wenn meine Illusion von Karotten statt Schoko knabbernden Kindern zerstört ist, auch wenn ich nun weiß, dass sie nicht ein Leben lang an Selleriestangen statt an Schleckern kauen, ich gebe nicht auf. Äußerlich mit stoischer Ruhe, innen bereits zum Zerreißen gespannt, ignoriere ich den SUGO-Protest, lege Bananen, Reiskekse und Hirsebällchen auf das Förderband und rüste mich für die bissigen Kommentare meiner Mitmenschen. Doch die Leute um mich herum mosern gar nicht wegen mir, sie schimpfen auf den Supermarkt. Sie beschweren sich, warum die Süßigkeiten genau hier her hingestellt werden und eine Frau mit Hut nennt es sogar „Folter für jede Mutter”. Sie versuchen mit Winken und GugGuGu die Einjährige von ihrem Schmerz abzulenken. Ich werde auf einer Welle von Mitgefühl getragen und das tut gut. Eine Rentnerin eilt auf mich zu, bleibt atemlos vor mir stehen, öffnet ihre Tasche und hält der Einjährigen ein Stück Schokolade hin. Die hört sofort zu Schreien auf und lächelt sie wie ein Sonnenscheinchen an.
Meine Mundpartie verkrampft sich zusehend, ich nehme die Rechnung und sage entschuldigend: „Nein danke, sie bekommt gleich eine Banane.”
Das ist das Stichwort für die Einjährige. Prompt fängt sie wieder zu schreien an. SUGO! SUGO! SUGO!
Ich lächle die Schokoladenfrau an „Wegen den Zähnen!” erkläre ich, nicke zur Verabschiedung leicht mit dem Kopf und schiebe den Buggy vom Kassenbereich weg.
Jetzt habe ich die Solidarität verspielt, das wärmende Gefühl der Sympathie für mich und meine Situation ist in Luft aufgelöst. .
„Sie bekommt ja eh noch zweite!” meldet sich ein Mann und ein anderer schaut die Einjährige mitleidig an. Aber kurz habe ich es gehabt, das Mitgefühl der Menge, und das war wirklich schöööööön!

Verwandte Artikel

0 Kommentare zu “Sugo, Ogo, Agso!”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben