Ich sitze mitten unter netten Müttern, schaue dem Treiben bei L.s Kindergeburtsfest zu und langsam aber sicher macht sich in mir ein Gefühl breit. Jenes Gefühl das ich besonders stark hatte, als Barack Obama mit seinem Lincoln -des- 21. Jahrhunderts -Mantel auf den Stufen des Kapitols seinen Amtseid sprach.
Damals fühlte ich es auch diesen Neid.
Nicht auf seinen Mantel, nicht auf seinen Job war ich neidisch, sondern auf seine zwei Töchter, die während des Wahlkampfes eloquent, fröhlich und intelligent wirkten und das bei jeder Gelegenheit.
Jetzt ist dieses Gefühl wieder da. Und es ist kein bisschen nachsichtiger zu mir geworden. Wenn alle Kinder fröhlich um den Tisch sitzen und mit Appetit ihre Schokotorte mampfen, dann bin ich auf die anderen Mütter neidisch. Denn meine Einjährige ignoriert während dessen ihr Tortenstück und isst lieber die Essensreste von den anderen Kindern, die in regelmäßigen Abständen unter den Tisch fallen. Und ich weiß genau was als nächstes passieren wird. Alle Kinder werden begeistert bei den Partyspielen mitmachen, nur meine Vierjährige wird sich an mich klammern und wie ein Klageweib schluchzen „Mama bleiben, bei Mama bleiben.” Und die anderen Mütter werden so tun, als ob das für sie vollkommen in Ordnung sei.
Ist es aber nicht, nicht für mich und deswegen bin ich neidisch und schäme mich gleichzeitig dafür. Denn was können meine Kinder für den Konkurrenzkampf unter Müttern dafür. Nichts, und trotzdem müssen sie ihn seit ihrer Geburt austragen.
„Wie viel wiegt deines? Wie oft stillst du es? Wie lange schläft es?”, das sind auf den ersten Blick harmlose Fragen, aber mit jeder Antwort ist man mitten drinnen im mütterlichen Konkurrenzkampf, bei dem es nur wenige Siegerin und ganz, ganz viele Verliererinnen gibt. Im Kindergarten geht es dann weiter
„Spielt dein Kind im Theaterstück die Hauptrolle? Kann es bereits schreiben? Macht es neben dem Kindergarten noch andere Aktivitäten?”
Wenn sie dann in der Schule sind, wird es wahrscheinlich lauten:
„Kann es Chinesisch? Wie viele Kommastellen der Zahl Pi kennt es? Will es einmal Bundeskanzler werden?”
Die Inhalte der Fragen ändern sich, der Grund, warum diese Fragen gestellt werden bleibt gleich. Sie dienen zur Feststellung wer die Auszeichnung als beste Mutter verdient. Dieser Kampf ist dreckig und- zumindest für mich- nicht zu gewinnen, denn die Anforderungen an die Kinder sind hoch.
Sie müssen ihre Bedürfnisse formulieren können, aber bitte nicht zu laut.
Sie müssen zeigen was sie alles wissen, aber bitte nicht zu altklug.
Sie müssen sportlich sein, aber bitte nicht zu wild.
Als ich meine Vierjährige auf den Schoß hebe und wir gemeinsam dem Spiel der Kinder zusehen, schwöre ich einen Eid: „Ich, Astrid Miller, Mütter von zwei Töchtern, werde nicht mehr an diesem Konkurrenzkampf teilnehmen. Meine Kinder sind so wie sie sind, und es ist gut so wie sie sind.”
Und jetzt muss ich etwas zum Aufwischen holen, meine jüngere Tochter hat gerade alle ihre mühsam gesammelten Essensreste auf den (weißen!!!) Wohnzimmerteppich der Gastgebereltern erbrochen.

0 Kommentare zu “Obama und der (N)Eid”
Kommentar schreiben