Zombie

Meine erste Tochter hat NICHT meine Augen, NICHT meine Haare, NICHT meinen Mund, NICHT mein Gemüt, aber eines hat sie von mir: Das intensive Daumenlutschen. Mein Vater behauptet ich habe bis ins Volksschulalter am Daumen genuckelt, ich sage, bis ins Gymnasium. Meine Eltern haben, nachdem sie mir grausliche Tinkturen aufgetragen, Drohungen von vorstehenden Zähnen ausgestoßen und den Struwwelpeter vorgesetzt haben, schließlich aufgeben und es ausgesessen
Aber dieses Buch vom Struwwelpeter, von diesem armen Jungen mit Fingernägeln wie aus einem Nagelstudio aus der Vorstadt, das hat meine Daumenlutschfrequenz stark erhöht. Besonders die Geschichte, wie ein kleiner Mann mit der großen Schere kommt und Schnipp-Schnapp dem Daumenlutscher den Daumen abschneidet. Und dann noch diese Bilder dazu. Dieser blutige Stumpf hat mich in meinen Träumen verfolgt. Ich hatte Angst vor diesem Mann mit der Schere und was macht ein Kind das Angst hat? Es sucht Beruhigung und meine Zaubermittel war eben das Daumenlutschen.
Das sollte meine Tochter nicht erleben. Also nahm ich ihre Großeltern zur Seite und sagte mit freundlicher aber bestimmter Stimme, dass der Struwwelpeter auf keinen Fall in die Fantasie meiner Tochter gelangen soll. Der Struwwelpeter. Nein, Nein, Nein. Und schon gar nicht dieser Mann mit der Riesenschere. Und siehe da, die Omas und der Opa hielten sich daran, der Struwwelpeter verstaubt bis heute am Dachboden.

daumen

Foto: Seven Morris

Ätschibätsch, der Mann mit der Schere hat verloren, ich habe gewonnen!
Nun zog der Winter in das Land, der Frühling, der Sommer…. Kurz gesagt meine Tochter ist vor einem halben Jahr vier geworden und sie lutscht noch immer, mit Hingabe, mit Begeisterung und, so kommt es mir manchmal vor, ANDAUERND!
Und gestern, wir saßen gerade beim Frühstück, fragte sie mich, zwischen zwei Portionen Daumen, ob es stimmt, dass es einen Mann gibt, der allen Kinder die Daumenlutschen diesen Finger abschneidet. Der M. aus dem Kindergarten hat ihr das erzählt, er hat es in einem Buch gesehen.
Was? Wo? Wann? Wie bitte? Dieses Buch ist wie ein Zombie, egal was du machst, es taucht immer wieder auf.
Nun war es Zeit für die Wahrheit.
„Nein den gibt es nicht!”, versichere ich ihr. „Diesen Blödsinn haben sie mir auch erzählt und schau einmal, beide Daumen noch da.”
Meine Tochter sieht mich begeistert an.
„Du hast Daumengelutscht?”
Ähh, nein, natürlich nicht, ich doch nicht.
„Ja, ich habe gelutscht, sogar ganz viel, mit fünf Jahren habe ich aber aufgehört.”, versichere ich ihr und werde nicht einmal rot dabei.
Und ja Opa, du bekommst ein neues Auto von mir, solange du nur nicht deiner Enkelin erzählst, wie lange ihre Mutter wirklich an dem Daumen gehangen ist.

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