Positive Kommunikation I
Zeieinhalb Jahre wetze ich auf einem unbequemen Stuhl unruhig hin und her, links und rechts von mir saßen im Halbkreis zwanzig Frauen und drei Männer, gemeinsam hörten wir uns einen Vortäge über Erziehung, Schwangeren-Coaching und Familienberatung an. Ich bin Journalistin, ich bin es gewohnt die Lebensgeschichten von Menschen anzuhören und das war es dann, Tschüs und Baba, machen Sie es gut, meine Arbeit ist getan, aber zweieinhalb Jahre mit Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Spielgruppenleiterinnen und Pädagogikstudentinnen haben mich verändert. Mit ihnen habe ich an dem Kurs mit dem wenig einladenden Titel Lebens- und Sozialberatung mit Schwerpunkt Erziehung teilgenommen. Als ich damit begann, dachte ich noch, ich bräuchte nur einen großen Pashmina-Schal und schon wäre ich die perfekte Beraterin, eingehüllt in ein Stück Stoff, das mir die Persönlichkeit nimmt. Eines der ersten Seminare handelte über positive Kommunikation.
In der Pause unterhalten sich damals die anderen Teilnehmerinnen angeregt über Emmi Pikler und mir fielen dazu nur Mixed Pickles ein.
Als die Pause vorbei war wurden alle Vollkornbrote, Apfelspalten und Mandarinen wieder eingepackt, die Trainerin suchte eine leere Flipchart- Seite , und ich überprüfte mich, ob ich eine, mir bisher verborgene, Neigung zu Masochismus habe, denn was sonst könnte mich in diesen Lehrgang treiben, mich, Mutter einer Vierjährigen die ihre Kraft (und davon hat sie viel) dafür verwendet mit wissenschaftlicher Akribie zu erforschen was mich so alles auf die Palme bringt und Mutter einer Einjährigen die auch nicht mehr alles soooo super findet, was ihre Mama so von sich gibt, und das mit lautem Geheule der Umgebung unmissverständlich zeigt.
„Bei der positiven Kommunikation ist es wichtig”, sagte die Trainerin, „niemanden niemals unter keinen Umständen zu etikettieren.”
….Uuups, was habe ich heute zur vierjährigen Verhaltensforscherin gesagt? Genau, du nervst mich, das habe ich gesagt. Das war keine Lüge, denn sie hat mich genervt und zwar mehr als ziemlich.
„Drücken sie beim Sprechen ihre Gefühle aus!”, ermahnte uns die Trainerin eindringlich.
….Sehr gut, hier bin ich richtig, nämlich genau das habe ich mit meinem Satz „Du nervst mich” gemacht. Was sitze ich hier noch herum. Lasst uns raus in die Kälte gehen, Punschtrinken, Eislaufen, gemeinsam riesige Pashmina-Fake -Schals im Ausverkauf erstehen. Ich habe die positive Kommunikation intus wie ein Alkoholiker den Schnaps, ich bin ein Naturtalent, Journalistin eben und doch keine Masochistin.
„Und drücken sie ihrem Kind keinen Stempel auf. Das Kind fühlt sich dann schuldig, weil sie bei einer Etikettierung wie Du-nervst-mich seine Persönlichkeit kritisieren und nicht sein Verhalten.”, fuhr die Trainerin fort.
Genau in diesem Augenblick wünschte ich mir einen Pashmina Schal um den Hals, in den könnte ich mich verkriechen könnte, denn ich lief sehr, sehr rot an.

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